Kindersoldaten und Kinder, Opfer vom Krieg

D.R. Kongo


Ausgangssituation

Kindern als Opfer von bewaffneten Konflikten gilt die besondere Aufmerksamkeit von Kinderrechte Afrika e.V.. Sie werden von Staat, Gesellschaft und internationalen Hilfsorganisationen fast ignoriert.

Im Oktober 1996 endete die diktatorische Herrschaft von Präsident Mobutu über den Kongo (früher Zaire). Nach dem blutigen Bürgerkrieg kommt das abgewirtschaftete Land nicht zur Ruhe, ständig flackern neue bewaffnete Konflikte an den Grenzen und im Innern des riesigen Landes auf. Von Anfang an nahmen auch Kinder als Soldaten teil, oft gegen ihren Willen und ohne Wissen ihrer Eltern.

Mädchen zahlten einen besonders hohen Preis. Oft wurden sie von herummarodierenden Soldaten verschleppt, Opfer von sexuellem Mißbrauch und Gewalt. Schwere Traumata, ungewollte Schwangerschaften oder übertragene Infektionskrankheiten wie HIV waren die Folge.

Auf Druck der internationalen Gemeinschaft und Kinderschutzorganisationen unterzeichnete der später einem Attentat zum Opfer gefallene Präsident Lauren Désiré Kabila am 09. Juni 2000 ein Dekret zur Entwaffnung und Wiedereingliederung von Kindersoldaten. Es sollte jedoch noch über ein Jahr dauern bis tatsächlich das erste Kontingent Kindersoldaten aus der Armee entlassen wurde und erst 2004 konnten größere Einheiten die Armee verlassen.


Projektziele

Demobilisierung von Kindersoldaten durch proaktives Vorgehen
Hilfestellung beim Übergang vom militärischen zum zivilen Leben: Rehabilitation und familiäre Wiedereingliederung von ehemaligen Kindersoldaten sowie Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung
Durchsetzung der Grundrechte ehemaliger Kindersoldaten sowie der von bewaffneten Konflikten betroffenen Kinder
Sensibilisierung der Zivilgesellschaft
Juristische Betreuung insbesondere von inhaftierten Kindersoldaten
Unterstützung von Rehabilitationszentren zur Wiedereingliederung


Wie wir helfen

Kinderrechte Afrika e.V.und sein Partner Bice-Kongo haben sich von Anfang an durch proaktives Vorgehen vehement für die Rehabilitation und Wiedereingliederung von Kindersoldaten eingesetzt. Die Mitarbeiter von Bice-Kongo haben unter erheblichen Strapazen und körperlichen Entbehrungen in Zusammenarbeit mit einigen Oberbefehlshabern der Militärregionen Kindersoldaten an der früheren Kriegsfront aufgespürt, ihre Identität festgestellt und ihre Entlassung aus der Armee bewirkt.

In den Rehabilitationszentren von Bice-Kongo in Kananga und Mbuji-Mayi steht den ehemaligen Kindersoldaten ein neuer Anfang bevor. Drei Monate leben die Jugendlichen in den Dörfern des Friedens auf, bevor sie mit Hilfe der Mitarbeiter ins zivile Leben zurückkehren. Neben einem herzlichen Empfang erfahren die stark traumatisierten ehemaligen Kindersoldaten normale Lebensverhältnisse in einer friedvollen Umgebung. Zu den Fördermaßnahmen zählen:


eine ausgeglichene und ausreichende Nahrung
medizinische und psychosoziale Betreuung
Friedenserziehung und Konfliktlösung ohne Gewalt
schulische Grundausbildung, Alphabetisierungskurse
das Erlernen einer Berufsausbildung (u.a. zum Bäcker, Schneider, Mechaniker, Maurer)
sportliche und kulturelle Aktivitäten
gemeinnützige Arbeiten zusammen mit der Dorfbevölkerung


Die Betreuung außerhalb des Rehabilitationszentrums in den ehemaligen Frontgebieten

Einige Jugendliche haben die Armee verlassen, ohne auf die offizielle Entlassung zu warten, leben bereits in festen Beziehungen oder kommen aus Dörfern in unmittelbarer Nähe der Militäreinheiten. Diese Jugendlichen werden nicht im Bic3e-Kongo Zentrum betreut, da eine Überführung dorthin den begonnenen Wiedereingliederungsprozess stören würde. Kinderrechte Afrika e.V. zieht es vor, in diesen Fällen vor Ort aktiv zu werden.

Die Jugendlichen benötigen besonders Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung. Da die Projektmitarbeiter nicht ständig in den weit abgelegenen Frontgebieten vor Ort sein können, koordinieren ausgesuchte Kontaktpersonen sowie die Mitglieder der lokalen Kinderschutzkomitees die verschiedenen Maßnahmen. Viele Kinder konnten so wieder eingeschult werden oder eine Berufsausbildung beginnen.


Was wir erreicht haben

Aufbau von zwei Rehabilitationszentren in Form von Dörfern des Friedens in Kananga und Mbuji- Mayi.
Rund 250 Kindersoldaten wurden in den Militäreinheiten an der ehemaligen Kriegsfront aufgespürt und in die Rehabilitationszentren überführt. Dort erhielten sie psychosoziale Betreuung und wurden auf ihre familiäre, soziale und berufliche Wiedereingliederung vorbereitet. Weitere 337 ehemalige Kindersoldaten erhielten eine ähnliche Unterstützung im Gefängnis oder im offenen Milieu in der Stadt Kananga.
Gründung von lokalen Komitees zum Schutz und zur Förderung von Kinderrechten; Schulung von Freiwilligen aus der Zivilgesellschaft. Durch die Arbeit dieser Komitees konnte die Aktionsbasis von Kinderrechte Afrika e.V. deutlich erweitert werden (Betreuung, Grunderziehung, Alphabetisierung u.a.)
Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch Aufklärungs- und Medienarbeit.
Insgesamt 1061 Kinder wurden als Opfer des Bürgerkrieges identifiziert und psychosozial betreut (davon 476 Jungen und 585 Mädchen). Unterstützung dieser bei der Ausbildung sowie bei Einkommen schaffenden Maßnahmen (z.B. Gemüseanbau, Fischzucht).

BUPOLE



Fotos


Dorf des Friedens

BUPOLE


Das Zentrum BUPOLE ("Dorf des Friedens") nimmt zwischen 20 bis 50 entwaffnete Kindersoldaten für jeweils etwa 3 Monate auf. Kinderrechte Afrika e.V. hat diese Übergangseinrichtung in der Nähe eines kongolesischen Dorfes geschaffen, um den ehemaligen Kindersoldaten ihre Wiedereingliederung in die zivile Gesellschaft zu erleichtern.


Mbuji-Mayi


In einem zweiten Rehabilitationszentrum in Mbuji-Mayi (Kasaïprovinz) werden Kinder aufgenommen, die schon im Alter von 10 Jahren von den verschiedenen militärischen Gruppen und Milizen zwangsrekrutiert wurden. Heute, im Alter von 14 bis 16 Jahren, fühlen sie sich um ihre Jugend geprellt. Kinderrechte Afrika e.V. und sein Partner Bice-Kongo engagieren sich für eine gute Vorbereitung ihrer Wiedereingliederung, damit Zukunft in einem zivilen Leben gelingen kann.


Grundbedürfnisse


Wenn dann die Kindersoldaten im Dorf des Friedens von der Front angekommen sind, gibt es immer ein Fest des Willkommens und der Versöhnung mit der Zivilbevölkerung. Fast alle sind unter- und fehlernährt (Durchschnittsgewicht bei Ankunft in Bupolé unter 45 kg!). Viele leiden an Malaria, Durchfall- Haut- und Geschlechtskrankheiten, einige sind mit dem HIV-Virus infiziert, viele haben neben den seelischen Verwundungen auch körperliche Kriegswunden davongetragen...


Sport




Lernen


Zur Vorbereitung der ehemaligen Kindersoldaten auf das Leben draußen in der zivilen Welt können sie einen Großteil von 86 lebensnahen Fertigkeiten erwerben, die Kinderrechte afrika e.V. vermittelt: zum Beispiel vom Bau einer einfachen Hütte, vom Zimmern eines Bettes, eines Stuhles oder Tisches, vom Bau eines Backofens zur Herstellung von Brot, von Erster Hilfe bis zur Aufzucht von Enten oder zum Anbau von Gemüse.


Beruf


Nach einem dreimonatigen Aufenthalt im BUPOLE wurde dieser Jugendliche von seiner Familie aufgenommen. Von Bice-Kongo ausgebildet und ausgestattet mit einer Nähmaschine mit Zubehör arbeitet er als Schneider und besucht wieder die Schule.


Familienrückführung


Bei der Identifizierung, der Überführung ins Rehabilitationszentrum oder der Rückführung der entwaffneten Kindersoldaten in ihre Familien kann Kinderrechte Afrika e.V. auf die logistische Unterstützung vieler vertrauenswürdiger Partnerorganisationen zurückgreifen.


Opfer von Krieg


Die Mädchen, Opfer von Krieg, werden von einer Sozialarbeiterin von Bice-Kongo in BUPOLE betreut.



Kinderschicksale

Pascal erzählt »Es war mittags nach der Schule – ich war auf dem Heimweg mit einigen Freunden, als wir an einem am Straßenrand geparkten Militärfahrzeug vorbeiliefen. Die Soldaten waren dabei, das stehengebliebene Fahrzeug zu reparieren. Zumindest taten sie so als ob. Als wir daran vorbeigehen wollten, hielten sie uns auf einmal an – wir dachten, es wäre um ihnen zu helfen – aber sie holten auch jene von uns zurück, die bei ihrem ersten Zuruf weiter gelaufen waren. Dann haben sie uns Jungs von den Mädchen getrennt und schickten sie weg. Uns zwangen sie, auf den Wagen aufzusteigen. Sie brachten uns in ein Militärlager, wo wir 6 Monate gedrillt und auf den Kampfeinsatz vorbereitet wurden. Nach dieser Vorbereitung wurden wir den Kampftruppen zugeteilt. Zuerst hat man uns angelogen; sie sagten, wir würden gar nicht an der Front eingesetzt werden. In Kisangani waren wir dann 2 Wochen, danach brachte man uns mit einem Schiff nach Opala. Manche von meinen Freunden konnten auf dieser Reise fliehen, sie wollten nicht mitkämpfen.
Von Opala aus ging für mich der Kampfeinsatz gegen die kongolesischen Regierungstruppen los.«

Raphäel erzählt »Ich heiße Raphäel, alias Dynas. Ich komme aus Sankuru im Kongo. Zu Hause waren wir viele Kinder. Für eine Ausbildung war kein Geld da. Mein Vater war wie ein Fremder für mich. In einer kinderreichen Familie aufzuwachsen ist nicht lustig, man fühlt sich vernachlässigt, ungeliebt... Die Rebellen, die sich für meine Schwestern interessierten, waren keine Fremden, es waren einheimische Jungen, die die ganze Gegend verwüsteten. Sie nahmen sich alles, was sie wollten. Als ich erfuhr, dass sogar die Jüngsten zum Militär gehen konnten, habe ich mich auch gemeldet. Einerseits wollte ich mich rächen, andererseits unser Dorf und seine Bewohner schützen. In Uniform fühlte ich mich stark. Ich machte eigentlich auch nur das, was die anderen bei uns und anderswo taten. Ich nahm mir alles, was ich haben wollte, einfach weil ich Soldat war und eine Waffe trug. Ohne Uniform und ohne Waffe würde ich mich das nicht trauen. 2001 meldete ich mich zum Militär, da war ich gerade 15 Jahre alt.

Aber beim Militär war nichts so wie ich es mir vorgestellt hatte. Den ganzen Tag harter Drill und Disziplin. Sobald man einen Fehler machte, wurde man hart bestraft. An die Militärzeit habe ich keine guten Erinnerungen – nichts als Kommandos und oft unsinnige Befehle. Eines Tages schlug man mich fast tot, weil einer meiner Kameraden desertiert war. Ich wusste noch nicht einmal, wohin er geflohen war. Anschließend warf man mich in ein großes, etwa 15 m tiefes Erdloch – ein unterirdisches Gefängnis, feucht und Tag und Nacht dunkel. Man bekam nichts zu essen. Die Aufseher warfen ihre Abfälle in das Loch, selbst wenn sich dort Gefangene befanden. Ich blieb zwei Tage in diesem Loch, ohne Essen, ohne Wasser, wurde für die Flucht meines Kameraden bestraft, der mir seine Munition daließ, während ich schlief. Als Wachposten bist du dem Wetter ausgeliefert: Wind, Regen, Hitze, gleißende Sonne. Wenn du müde wirst, versuch mal, in Stiefeln und Drillich zu schlafen. Und wenn du es wagst, in Uniform, aber ohne Stiefel zu schlafen, bekommst du Schläge mit der Peitsche, 150 Peitschenhiebe oder 2 Tage Arrest im Erdloch. Ich bin schon zweimal ausgepeitscht worden, bekam 175 Schläge mit der Peitsche.
Außerdem mussten wir oft kilometerweit marschieren, um Informationen zu bekommen oder den Feind auszumachen: 150 Kilometer zu Fuß, hin und zurück innerhalb von 24 Stunden. Zu viele Kommandos, zu viele sinnlose Befehle, grundlose Bestrafungen, nur um dir zu zeigen, wieviel Macht man über dich hat, wie ausgeliefert und hilflos du bist.

Die einzige Sache, die mir beim Militär gefallen hat, war die Arbeit, denn trotz all ihrer schlimmen Seiten gab es dafür einen Sold. Der war zwar sehr niedrig, aber zumindest hatte ich eine Arbeit. Sobald man seinen Sold erhalten hatte, beeilte man sich, dafür eine Hose, ein Radio oder eine Schaumgummimatratze zu kaufen. Leider musste man oft alles wieder nach 10 Tagen verkaufen, wenn man mit leeren Händen dastand. Wenn wir unseren Sold schon in den ersten drei Tagen für Bier ausgaben und ordentlich betrunken waren. Ja, so schnell war er wieder weg, der Sold. Als ich von der Demobilisierung hörte, wollte ich mich melden, entwaffnen lassen und ins zivile Leben zurückkehren, aber mein Befehlshaber, dem ich als Leibwächter diente, wollte mich nicht gehen lassen. Am 19. September 2003 identifizierte man mich als Kindersoldat und sah mich für die Demobilisierung vor. Ich bin meinem Vorgesetzten entkommen und konnte mich registrieren lassen. Heute bin ich frei, lebe wieder als Zivilist. Ich bin mächtig stolz darauf.«

Morisho, 16 Jahre alt
"Ich heiße Morisho und bin 16 Jahre alt. Meine Eltern sind geschieden. Ich konnte leider nicht die Schule besuchen, da meine Mutter zu arm war, um meine Schulbildung zu bezahlen. Ich ging mit ihr auf die Felder. Als ich mit 11 Jahren meinen Onkel in einer von den Mayi Mayi kontrollierten Stadt besuchte, traf ich auf Kämpfer in meinem Alter. Ich entschied, mich ihnen anzuschließen; das war 1999. Ihr Chef hieß mich willkommen und sie weihten mich in die Fetisch-Praktiken ein: Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit gegenüber Gewehrkugeln, Reisen durch Raum und Zeit. Als Waffe erhielt ich ein magisches Messer. Die Unverletzlichkeit war an bestimmte Verbote gebunden, wie zum Beispiel niemals einen Knochen zu zerkleinern.

Wir zogen Richtung Kindu. Meinen ersten Kampf führte ich gegen den RDC/Goma. Ich besiegte mehrere Personen mit Hilfe meines magischen Messers. Es genügte, dass ich den Gegner mit dem Messer leicht verletzte, und er starb. Da die Gewehrkugeln mir nichts anhaben konnten und ich mich auf Wunsch jederzeit unsichtbar machen konnte, ging ich mutig in den Kampf und tötete die Gegner.Als ich sah, wie andere Mayi Mayi Kämpfer, die sich nicht an die Verbote gehalten hatten, durch Gewehrkugeln starben, bekam ich Angst und entschied, zum RDC überzuwechseln. Dort hatte ich gesehen, dass die Militärs alles tun konnten, ohne zu sterben: plündern, vergewaltigen, essen was und wie sie wollen. Nachdem ich dem Kommandanten erzählt hatte, dass ich Kämpfer des RDC sei, wurde ich wie jedes Kind aufgenommen. Er hieß mich willkommen. Er schickte mich nach Lubao, wo ich 2 Jahre blieb. Dort wurde ich dann demobilisiert und von Bice* betreut. Mein Traum ist es, so schnell wie möglich meine Mutter wiederzusehen."

* Bice-Kongo ist die Partnerorganisation von Kinderrechte Afrika in D.R. Kongo.



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