Ausgebeutete Kinder
D. R. Kongo, Mali, Togo
Ausgangssituation
Das Problem Straßenkinder, vor wenigen Jahren in Afrika noch fast unbekannt, überflutet die größeren Städte und wird zur bedrückenden, unbewältigten Sorge. Die Kinder - zunehmend auch Mädchen -, die aus ländlichen Gebieten in die Städte drängen, sind immer jünger, und es werden immer mehr. Armut, Landflucht, fehlende Bildungsmöglichkeiten und vor allem das Auseinanderbrechen alter Familienstrukturen, zunehmende Scheidungen und uneheliche Geburten sind die Hauptursachen. Straßenkinder kämpfen Tag für Tag verzweifelt ums nackte Überleben, arbeiten für einen Hungerlohn: z. B. Lastentragen, Verkauf von Plastiktüten und Papier-taschentüchern sowie Schuheputzen. Sie schlafen in windschiefen Bretterverschlägen oder auf Baustellen. Aus ihrer Not heraus begehen manche sogar kleine Diebstähle – eine Einbahnstraße, die zwangsläufig in Haft endet. Erwachsene haben keine Skrupel, sie auszubeuten, zu manipulieren oder für ihre selbstsüchtigen Absichten einzusetzen. Allein in Abidjan leben rund 10.000 Straßenkinder schätzen die Behörden.
Die Lage der Mädchen unter ihnen ist besonders prekär. Ohne Schul- und Berufsausbildung bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als sich zu prostituieren - selbst sieben- bis achtjährige Mädchen bilden hier keine Ausnahme. Andere werden von ihren erwachsenen sogenannten „Beschützern“ sexuell missbraucht und ausgebeutet.
Sogenannte „Shégués“: D. R. Kongo
„Shégué“ bedeutet „Straßenkind“ - es steht aber auch für Misstrauen, Ablehnung und Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft.
Die „shégués“ werden regelmäßig wegen Vagabundierens von der Polizei aufgegriffen. In Mbuji- Mayi wurden jugendliche Straßenkinder für politische Zwecke und zur Einschüchterung der gegnerischen Partei aufgehetzt.
2005 wurden einige der älteren Kinder gegenüber Diamantenschürfern gewalttätig, stahlen deren Hab und Gut und misshandelten oder bedrohten Frauen und Mädchen, die auf den Diamantenfeldern ihre Waren verkauften. Die Polizei ließ sie gewähren. In einer Art kollektiven Massenhysterie griffen die Diamantenschürfer schließlich außer sich vor Wut zu Eisenstangen und Stöcken, verfolgten alle Straßenkinder und schlugen erbarmungslos auf sie ein – Mädchen wie Jungen – groß oder klein. Diejenigen, die sich nicht rechtzeitig verstecken konnten, wurden ohne Gnade zu Tode geprügelt oder bei lebendigem Leib verbrannt.
Ziele unseres Engagements
- Achtung und Durchsetzung der Rechte von Straßenkindern
- Harmonisierung des nationalen Rechts mit internationalen Standards
- Verteilung von Gesetzessammlungen an das Personal in Gefängnissen und im Justizbereich
- Psychosoziale und medizinische Betreuung von Straßenkindern
- Allgemeine Grund- und berufliche Bildung für die betroffenen Kinder.
- Schaffung und Aufbau von institutionellen Strukturen zur sozialen Re-integration der betroffenen Kinder
- Initiierung und Aufbau von Gemeindekomitees zum Schutz und zur Zuflucht für betroffene Kinder
Wie wir helfen
„Shégués“/Hexenkinder: D. R. Kongo
Kinderrechte Afrika e.V. arbeitet eng mit Bice - Kongo zusammen. Diese Kinderrechtsorganisation hat sich seit ihrer Gründung 1996 einen hervorragenden Ruf erworben und genießt allgemein großes Ansehen durch die Qualität ihrer Arbeit und die Professionalität ihrer einheimischen Mitarbeiter: Psychologen, Sozialarbeiter, Gesundheitspersonal, Anwälte, Ausbilder im Kleinhandwerksbereich.
Geographische Schwerpunkte der Arbeit sind die 6 Millionen Stadt Kinshasa und die beiden Kasaï- Provinzen mit ihren Hauptstädten Kananga und Mbuji-Mayi.
In den dort eingerichteten Kinderschutz- bzw. Rehabilitationszentren werden Kinder durchschnittlich etwa 3 Monate beherbergt, was im Einzelfall bei Bedarf und zum Wohl des Kindes auch bis zu einem Jahr dauern kann.
Projektmaßnahmen
Psychosoziale Betreuung, physische Rehabilitation der Kinder (Erste-Hilfe-Maßnahmen, medizinische Check-ups, Transfer ins Krankenhaus u.a. ), erzieherische Maßnahmen (Vorschulerziehung, Grundschulbildung und Alphabetisierungsmaßnahmen Wertevermittlung, die Kenntnis von Kinderrechten u.a.), Unterstützung bei der beruflichen Qualifizierung, gezielte Vorbereitung auf eine nachhaltige Rückführung in die Familie, in das Herkunftsmilieu der Kinder oder ein anderes geeignetes soziales Umfeld, Rechtsbeistand für Kinder (z.B. im Falle von Vergewaltigung, Verleumdung, falscher Anklage)
Was wir erreicht haben
- Kinderrechte Afrika e.V. betreute mehr als 18.000 Kinder und Jugendliche in der Elfenbeinküste und in der D. R. Kongo
- Tag und Nacht erhielten Straßenkinder von den Bice-Mitarbeitern in offener Sozialarbeit medizinische Hilfe, Zuwendung und Beratung
- Gründung von 5 Kinderschutzzentren, die bis zu 50 Kinder aufnehmen können (zwei in der Elfenbeinküste, drei in der D. R. Kongo)
- Über Fernsehen und Radio regelmäßige Aufklärungskampagnen der Öffentlichkeit
- Initiative zur Gründung einer „Elternschule“ zum Thema Kindererziehung und Frühförderung
- Psychosoziale Betreuung, schulische und berufliche Wiedereingliederung von Straßenkindern
- Familiäre und soziale Wiedereingliederung
Photos
Schutz- und obdachlos
Seine Freunde nannten ihn Charly. Aber das war nur sein Spitzname.
Seinen richtigen Namen hat er eifersüchtig für sich behalten.
Für den Tag, an dem er sich nicht mehr auf der Straße durchschlagen musste.
Für den Tag, an dem er zu seiner Familie heimgekehrt und von ihr wieder aufgenommen sein würde.
Denn er war nicht für das Leben auf der Straße geboren.
Autos faszinierten ihn. Er hat sie bewacht ...... Er hat sie gewaschen .....
Sie waren sein täglich Brot.
Gerne wäre er Automechaniker geworden. Aber das war nichts als nur ein Traum.
Denn einem Straßenkind nimmt man nicht ab, dass es eine gute Lehre hinkriegt
und einen richtigen Beruf erlernen will.
Er schlief irgendwo und irgendwie. Im Zentrum der Millionenstadt, in einem Schlupfwinkel,
im Schatten der Kathedrale oder auf dem Markt.
Wenn es ihm ein Nachtwächter erlaubte, konnte er sich in seiner Nähe ausstrecken und ausruhen.
Aber in dieser Nacht wurde er von allen weggejagt, denn er war schwerkrank,
und niemand wollte ihn in der Nähe haben, da er sich ständig erbrach.
Was hätte er darum gegeben, wieder gesund zu werden, aber es gab keinen Arzt, keine Krankenschwester,
keine Medikamente für ihn.
Er legte sich schlafen, die Arme hinter dem Kopf wie ein Kreuz ausgestreckt in der Nähe
der Autos,
die er sonst bewachte, um nie wieder aufzuwachen.
Er war sicher nicht dazu geboren, um auf der Straße zu sterben....
auf dem Gehsteig der Avenue Botro Roussel.
Aber dieses eine Mal konnte niemand mehr ihn wegjagen.
Denn er hatte sich zur letzten und ewigen Ruhe gelegt.
Die Polizei stellte ihre Untersuchungen an. Passanten schauten ihn an.... und gingen weiter.
Den ganzen Tag blieb er so da liegen. Auch jetzt wollte sich niemand um ihn kümmern.
Am Abend erhielt er Besuch von einer Ameisenprozession.....,
während seine Kumpel von der Straße mit einem Priester kamen, um für ihn zu beten.
Sie wickelten ihn in ein schneeweißes Leichentuch und trugen ihn schweigend und ergriffen fort,
währenddessen das geschäftige Treiben rundherum weiterging als wäre nichts geschehen.
Man trank in der Bar nebenan sein Bier unter Freunden,
aber es wurde nicht auf sein Wohl getrunken.
Dennoch: Er war nicht geboren, um auf der Straße zu leben, und noch viel weniger,
um dort zu sterben.
Aimon Aimé Désiré (Sozialarbeiter im Kinderschutzzentrum Sauvetage von Bice-Elfenbeinküste) nach Frère Yves Lescanne
Das Kinderschutzzentrum Sauvetage in der Elfenbeinküste bietet Kindern, die durch Flucht und Vertreibung in der Metropole Abidjan gestrandet sind, die Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden, die im täglichen Überlebenskampf auf der Straße nicht mehr zurechtkommen, vorübergehend einen Unterschlupf und noch mehr ein Zuhause an.
Immer mehr Mädchen standen in Folge der Unruhen auf der Straße und werden Opfer von Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalt. Im Kinderschutzzentrum finden sie Schutz und Obdach.
Zirkuskünste verlangen von ehemaligen Straßenkindern, an einem Strang zu ziehen, abgestimmtes, gemeinsames Handeln, Zuverlässigkeit und Ausdauer. So kann Selbstvertrauen wieder zurückgewonnen werden, und es gelingt - wie hier in der Elfenbeinküste, die Kinder psychisch zu stabilisieren.
Kinderschicksale
Jean Marc erzählt
»Ich heiße Jean Marc und bin 9 Jahre alt. Zuerst habe ich mit meiner Mutter und meiner Großmutter auf dem Land gelebt. Als ich eingeschult werden sollte, sagte meine Mutter, dass sie das Schulgeld nicht aufbringen könne und sie mich deshalb zu meinem Vater nach Abidjan bringen würde. Mein Vater hat sich kaum um mich gekümmert. Zuerst wollte er ja das Schulgeld bezahlen, aber als seine neue Frau sich deshalb mit ihm zankte, wollte er nichts mehr davon wissen. Wenn ich weinte, hat sie mich geschlagen, und eines Tages war sie so wütend, dass sie ein Messer nach mir geworfen und mich damit verletzt hat.
Da bin ich weggelaufen. Ich wußte nicht wohin. Ins Dorf konnte ich nicht ohne Fahrgeld, und in Abidjan kannte ich niemanden. Schließlich habe ich auf dem Markt um Essen gebettelt und nachts unter einem leeren Stand geschlafen. Einer von den Großen hat das beobachtet und mich mitgenommen ins Centre Sauvetage. Da lebe ich jetzt seit 6 Monaten und darf endlich in die Schule gehen. Bei der ersten Klassenarbeit war ich fünfter unter 34 Kindern. Die Betreuer im Zentrum haben mir versprochen, dass sie mich bald in mein Dorf zurückbringen, und ich dort weiter die Schule besuchen darf. Hab‘ ich Glück gehabt!«

