Kinder in Gefängnissen
Kamerun, D. R. Kongo, Mali, Togo
Siehe auch Kinder in Gefängnissen in Kamerun
Ausgangssituation - Kontext
Kinder in Gefängnissen: zu Beginn des konkreten Afrika-Engagements von Kinderrechte Afrika ein Phänomen - kaum bekannt, höchst komplex und schwierig für eine Intervention. Entsprechend wenig Hilfsorganisationen haben sich daher auch mit dieser Problematik auseinander gesetzt – meist waren es gut gemeinte, punktuelle Einzelaktionen, die aber die Rechtssituation von Kindern in Gefängnissen nicht grundlegend verbessern konnten.
In enger Zusammenarbeit mit kirchlichen Partnern und engagierten Nichtregierungsorganisationen hat Kinderrechte Afrika Aktionsgruppen in der Elfenbeinküste, in Mali, Zaïre (heute D. R. Kongo), Guinea und Senegal ins Leben gerufen, um Kindern in Gefängnissen in ihrer Not beizustehen und ihre Rechtssituation zu verbessern.
Viele Kinder waren unschuldig oder wurden wegen minimaler Vergehen wie Mundraub oder Vagabundierens inhaftiert. Hinzu kommen Diebstahl-, Gewalt- und Drogendelikte. Alle sind sie Opfer, Opfer wachsender Armut, sozialer Spannungen, von Landflucht, sich auflösender Familienstrukturen, staatlicher Repression und Hilflosigkeit sowie hoffnungsloser Zukunftsperspektiven.
Die Kinder in den Gefängnissen und in Polizeigewahrsam waren fast alle traumatisiert durch den Akt der Verhaftung, den repressiven Umgang durch Polizei, Terror und Misshandlungen durch Gefängnispersonal, die Schwerfälligkeit und Willkür der Justiz, inhumane Haftbedingungen wie fehlende sanitäre Einrichtungen und völlig unzureichende Nahrungsmittel-, Trinkwasser- und medizinische Versorgung. Dazu werden viele Kinder oftmals von ihrer Familie verstoßen, besonders in muslimischen Ländern.
Projektziele
- Verbesserung der Rahmenbedingungen zur Prävention und zur Verhinderung des Strafvollzugs an Kindern
- Verwirklichung der grundlegenden Menschenrechte von Kindern in Gefängnissen und in Polizeigewahrsam im Hinblick auf einen humanen und kindgerechten Strafvollzug
- Familiäre, soziale und (vor-) berufliche Reintegration von aus dem Gefängnis entlassenen Kindern und Jugendlichen
- Entwicklung erzieherischer und ausbilderischer Maßnahmen als Alternative zur Inhaftierung von Minderjährigen und damit Verbesserung der Zukunftschancen der betroffenen Kinder
- Mitwirkung an Reformvorhaben im Bereich Jugendstrafrecht und Jugendstrafgerichtsbarkeit
- Aus- und Fortbildung von Polizei-, Justiz- und Vollzugsbeamten im Hinblick auf die Beachtung und Durchsetzung nationalen und internationalen Rechts
- Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten der Zivilgesellschaft
- Psychosoziale Unterstützung der Kinder
- Förderung lokaler Institutionen, Partner und Netzwerke
Wesentliche Aktivitäten
Zwei von Kinderrechte Afrika aufgebaute Sozialzentren in Abidjan und Kinshasa wurden vom Staat als Rehabilitationszentren anerkannt. Staatsanwälte und Richter überführen Kinder, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, an diese Einrichtungen als Alternative zum Jugendarrest.
Fördermaßnahmen
- psychosoziale Betreuung;
- Aufbau des Selbstwertgefühls,
- Alphabetisierungskurse, Grundausbildung,
- Befriedigung der Grundbedürfnisse: medizinische Versorgung, ausgewogene und ausreichende Mahlzeiten,
- beschäftigungstherapeutische Aktivitäten,
- Erlernen handwerklicher Fertigkeiten,
- Aktiver Rechtsbeistand für die Kinder,
- Schulung von Polizei-, Justiz- und Vollzugsbeamten im Hinblick auf die Beachtung und Durchsetzung elementarer Kinderrechte sowie nationaler und internationaler Normen des Jugendstrafrechts,
- Verbesserung der Haftbedingungen: u.a. Bau sanitärer Einrichtungen.
Ergebnisse
- Insgesamt wurden bislang mehr als 25.000 Kinder in Gefängnissen und Polizeistationen von Mitarbeitern von unseren afrikanischen Partnern betreut.
- Verbesserung der Haftbedingungen: u.a. Trennung von minderjährigen und erwachsenen Häftlingen
- Erfolgreiche Mitwirkung von Kinderrechte Afrika an Reformen des Jugendstrafrechts sowie Durchsetzung weiterer Gesetzgebungsvorhaben, die – im Einklang mit internationalen Rechtsnormen – einen besseren Schutz von Kinderrechten gewähren
- Für mehr als 12.600 Kinder konnte eine Haftentlassung oder Haftverschonung durch aktiven Rechtsbeistand und Mediationsarbeit (Täter- Opfer- Ausgleich) erreicht werden.
- Schulung von über 900 Polizei-, Justiz- und Vollzugsbeamten (Richter, Staatsanwälte etc.) sowie Sozialarbeitern
- Deutliche Verringerung bzw. Ausschluss der Willkür und Gewalt seitens Polizei oder Strafvollzugsbeamten gegenüber den Kindern
- Die Untersuchungshaft konnte im Durchschnitt auf weniger als drei Monate verringert werden (vorher oft sechs Monate bis zwei Jahre).
- Erarbeitung einer kommentierten Gesetzessammlung mit internationalen Kinderrechtsnormen und konkreten Handlungsanleitungen zum besseren Schutz von Kinderrechten für die D. R. Kongo, die Elfenbeinküste und bald für Mali. Diese wird politischen Entscheidungsträgern, Richtern, Staatsanwälten, Polizeibeamten und Sozialarbeitern zur Verfügung gestellt.
- Gründung von 35 lokalen Komitees zum Schutz und zur Förderung von Kinderrechten bzw. zur Verbreiterung und Verankerung der Arbeit von BICE
Fotos
Kongo
In den meisten Polizeistationen werden Männer, Frauen, Mädchen und Jungen während der Untersuchungshaft nicht getrennt untergebracht. Der sexuelle Missbrauch ist immer eine akute Gefahr.
Türe öffnen sich!
Haftzellen öffnen sich dank wirksamen Rechtsbeistands von Kinderrechte Afrika e.V.. Ein Alptraum geht zu Ende. Ein Leben in Freiheit - die ersten Schritte begleitet von unseren afrikanischen Partnern - beginnt.
Senegal
Kinderrechte Afrika e.V. ist während seines Engagements von 1996 bis 2003 eine fast flächendeckende Trennung von Kindern und erwachsenen Häftlingen gelungen. Dafür mussten separate Einrichtungen für Jugendarrest und Jugendstrafe aufgebaut werden.
Elfenbeinküste
Die Anwesenheit eines Mitarbeiters von unseren afrikanischen Partnern beim Verhör des Jugendlichen auf der Polizeistation garantiert, dass die Vernehmung nicht zu einem Akt der Einschüchterung und Brutalität wird, und dass das Vernehmungsprotokoll keine erzwungenen Schuldeingeständnisse enthält.
Kinderschicksale
Die Geschichte von Mamadou: Von der Justiz vergessen – Drakonische Haftstrafe für den Diebstahl zweier alter Autoreifen
Mit 12 Jahren kam Mamadou aus einem Dorf in der Nähe von Sikasso in die Hauptstadt Bamako, um bei seinem Onkel zu arbeiten. Es war eine schwere Schufterei und Mamadou hat nie Geld dafür erhalten. Er will nach 2 Jahren wieder zurück in sein Dorf, sich aber vor der Rückkehr noch eine Hose und ein Paar Plastiksandalen kaufen; schließlich kommt er aus der Hauptstadt und die anderen im Dorf sollten sich nicht lustig machen über den Rückkehrer mit der zerschlissenen Hose. Er bittet den Onkel um Geld als Teil des ihm vorenthaltenen Lohnes. Der Onkel, ein harter Mann, ist wütend und steckt ihn kurzerhand in eines der Überlandtaxis nach Sikasso. Doch Mamadou wehrt sich gegen diese Ungerechtigkeit. Beim ersten Halt steigt er aus und kehrt nach Bamako zurück. Im Hof des Onkels liegen seit Jahren 2 alte Reifen herum, die nimmt er, will sie zu Geld machen, um sich damit Hose und Schuhe zu kaufen. Doch Mamadous Traum von einer Rückkehr ins Dorf mit Würde endet, bevor er eigentlich begonnen hat. Der Onkel ertappt ihn schon nach Verlassen des Hofes mit den beiden Reifen, bringt ihn zur Polizei und klagt ihn des Diebstahls und des Vagabundierens an. Mamadou landet im Gefängnis und wird von der Justiz vergessen.
Sylla erzählt: Von Erwachsenen im Gefängnis missbraucht
»Ich bin vielleicht froh, dass ich jetzt hier sein kann. Die Zeit im Männergefängnis von Tambacounda (Senegal) war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Was wir da alles gesehen haben! Die Großen haben mit uns gemacht, was sie wollten. Jeder von uns »gehörte« einem Erwachsenen, für den er da sein musste. Aber jetzt bin ich diesen Druck los. Ich kann hier sogar wieder zeichnen und mir neue Kleiderschnitte ausdenken – für später. Denn wenn ich mit der Lehre fertig bin, will ich eine Schneiderwerkstatt aufmachen und mein eigener Chef sein.«


