Kampagne gegen sexuellen Missbrauch
Projektbesuch bei unserer Partnerorganisation CIPCRE in BENIN
Oktober/November 2010 - Susanne Souaré-Michel
27 Oktober 2010 - Offizieller Start des Projektes zur
„Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagne gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen in Schulen des Departements Ouémé, Benin (Westafrika)“
Kinderrechte Afrika e.V. hat eine einjährige Projektfinanzierung aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg erhalten, um in Benin, gemeinsam mit unserer Partnerorganisation CIPCRE Benin, eine Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagne gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen an Schulen durchzuführen. Das Projektvolumen dieser zunächst 1-jährigen Projektphase (1. September 2010 – 30. August 2011). für die Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagne beläuft sich auf über 31.000 Euro, wobei das Land Baden Württemberg sich an der Projektfinanzierung mit 20.000 Euro beteiligt. Der Restbetrag wird durch eine Eigenbeteiligung von CIPCRE-Bénin und aus Spendenmitteln von Kinderrechte Afrika e.V. finanziert.
Am 27. Oktober 2010 wurde das Projekt rund 50 Schuldirektoren, Lehrern und Vertretern von Nicht-Regierungsorganisationen sowie Elternvertretern vorgestellt und anschließend offiziell von einer Vertreterin des zuständigen Ministeriums lanciert.
Unsere Partnerorganisation CIPCRE-Bénin
CIPCRE-Bénin ist eine Nicht-Regierungsorganisation, die Anfang der 90er Jahre in Kamerun gegründet wurde; 1995 folgte die Gründung von CIPCRE-Bénin. Beide Organisationen verfolgen die gleichen Ziele und arbeiten eng zusammen. Ihre Arbeit basiert auf christlichen, ethischen Werten. Grundzielsetzung der NRO ist es, die Entwicklung des Landes Benin voranzutreiben unter Berücksichtigung einer ökologischen Grundhaltung im weitesten Sinne. Im Zentrum der Arbeit mit der Bevölkerung steht immer die eigene Verantwortung für ihre Entwicklung und für die des Landes. Damit möchte CIPCRE seinen Beitrag zur Entwicklung Afrikas leisten, ebenso wie zum Aufbau einer auf christlichen Grundsätzen beruhenden, demokratischen, gerechten, humanen und gesunden Welt.
…. erst vor wenigen Tagen ….
Ein erneuter, dramatischer Fall ist erst vor wenigen Tagen eingetreten: Ein Wächter einer Schule in Cotonou hat eines der Mädchen beim Verlassen der Schule zurückgehalten und später sexuell missbraucht. Das 12-jährige Mädchen ist verstorben. Der Wächter wurde von der Polizei verhaftet und die gesetzlich vorgesehene Strafverfolgung eingeleitet. Dieser erneute und dramatisch verlaufene Fall lenkt die Aufmerksamkeit der Schuldirektoren und Lehrer gezwungenermaßen auf ein Thema, das sie lieber nicht ansprechen würden. Während der Diskussion zum Start des Projektes sprach ein Lehrer aus, was viele dachten: wäre dieser erneute Fall nicht so dramatisch geendet, würde er wohl wieder nur ein weiterer unter vielen sein, der ‚unter den Tisch‘ gekehrt wird ….
Die Problematik - Sexueller Missbrauch von Mädchen in Schulen:
Die Formen der sexuellen Gewalt gegenüber Schülerinnen äußern sich auf verschiedene Arten, von der Benutzung einer demütigenden und erniedrigenden ‚Sexualsprache‘ gegenüber den Mädchen, über handgreifliche sexuelle Belästigungen bis hin zur Vergewaltigung. Allgemein betrachtet finden sexuelle Beziehungen häufig aus ökonomischen Gründen statt, erzwungen oder in gegenseitiger Übereinstimmung (sexuale Ausbeutung). Im Rahmen der Schulen sind hingegen gute Noten bzw. eine Versetzung in die nächste Klasse das ‚Tauschgeld‘.
Im kulturellen Kontext Benins handelt es sich bei allen Themen, die die Sexualität angehen um Tabu-Themen. Eltern sprechen mit ihren Kindern nicht über solche Themen. Traditionell war es Aufgabe der Tante, Mädchen aufzuklären. Jungen werden von älteren Jungen bzw. jungen Männern aufgeklärt. Da traditionelle Mechanismen mehr und mehr verloren gehen, werden Themen, die die Sexualität betreffen, immer weniger angesprochen. Dies ist besonders der Fall bei Mädchen, da häufig die Ansprechperson (Tante) nicht mehr in nächster Nähe ist. Mütter hingegen sehen dies nach wie vor nicht als ihre Aufgabe an. Bei Jungen ist dies weniger auffällig, da sie nach wie vor die Themen untereinander diskutieren.
In gewisser Weise wird die Aufgabe der Aufklärung nun an die Schulen übertragen. Tatsächlich sehen die Lehrpläne Themen der Sexualität vor, allerdings haben auch die Lehrer immer wieder Schwierigkeiten, diese Themen anzusprechen und mit den Schülern zu diskutieren. Ein indirekter Indikator für die Dringlichkeit einer Intervention zur Aufklärung sind die deutlich zunehmenden Zahlen von schwangeren Mädchen in allen Schulen Benins. Dies hat bereits den Effekt, dass Eltern ihre Mädchen nicht in die Schule schicken wollen, weil die Gefahr einer frühen Schwangerschaft zu groß ist.
Diese Schwangerschaften können von Mitschülern sein, aber eben auch von Lehrern oder Angestellten der Schule (z.B. Wachpersonal). Für viele Mädchen hat die ‚sexuelle Bedrohung‘ durch Schüler, Lehrer oder Angestellte der Schulen direkte Auswirkungen: sie gehen ungern zur Schule, sind unkonzentriert im Unterricht oder benutzen Ausreden, um zu Hause bleiben zu können. Die Noten werden schlechter.
Will man dennoch bestehen und die Schule weiter machen, bietet sich häufig für eine ausreichende Note bzw. die Versetzung nur die Möglichkeit, für den Lehrer Dienstleistungen jeglicher Art zu erbringen. Die Abhängigkeit vom Lehrer, ungleiche Machtverhältnisse und der kulturelle Kontext machen es den Mädchen sehr schwer (unmöglich!) die Situation anzusprechen, obwohl eine Grenze überschritten wird, die traditionell nicht akzeptabel ist. Der gesellschaftliche ‚Ausweg‘ ist derzeit, dass sexueller Missbrauch von Mädchen in den Schulen ein ‚Tabu-Thema‘ ist. Einem Mädchen, das dies anprangern würde, würde man nicht glauben. Im besten Fall wird eine ‚interne‘ Lösung zwischen Lehrer und Familien gesucht. Juristische Schritte wie eine Anzeige und die Strafverfolgung des Täters kommen nicht in Frage.Die Konsequenzen für die Schülerinnen sind weitreichend und haben Folgen für ihr ganzes Leben: sie reichen von einer nicht abgeschlossenen Schulausbildung über gesundheitliche Aspekte (Geschlechtskrankheiten, HIV/AIDS), ungewollten und verfrühten Schwangerschaften bis hin zu psychologischen Schwierigkeiten und Traumata. All diese Faktoren führen zu einer gesellschaftlichen Diskriminierung oder im Extremfall zum gesellschaftlichen Ausschluss. Folge ist nicht selten, dass die Mädchen weglaufen und ihr Glück in den Großstädten suchen, wo sie sich als Haushaltsmädchen betätigen oder auf der Straße leben und ähnlichen Gefahren ausgeliefert sind. Genaue Zahlen über die Verbreitung des sexuellen Missbrauchs an Schulen sind nicht bekannt (ein Tabu !). Allerdings sagten bei einer Umfrage in Benin 75% der Mädchen der Mittelschule und 40% der Mädchen der Grundschule aus, dass auf sie Druck ausgeübt würde, um eine sexuelle Beziehung einzugehen. Über die Hälfte haben ausgesagt, dass sie schon unsittlich berührt würden. Internationale und nationale Organisationen in Benin, sowie die Mitarbeiter der beninischen Ministerien für Erziehung und Familie bestätigen die hohe Dringlichkeit des Kampfes gegen Gewalt jeglicher Art an Schulen Benins, aber in besonderem Maße gegen sexuellen Missbrauch der Schülerinnen durch Lehrer.
Kinderrechte Afrika e.V. unterstützt und berät seine Partnerorganisation CIPCRE-Bénin bei der Umsetzung dieses Projektes. Wenn Sie sich auch im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen an Schulen Benins engagieren möchten, können sie durch Ihre Spende für dieses Projekt einen Beitrag leisten.